Friedhof Gickelhausen – ein Altar unter freiem Himmel

 

Wenn man viele Jahre am selben Ort wohnt und für die Besonderheiten der Umgebung aufgeschlossen ist, glaubt man, seine Heimat gut zu kennen. Umso erstaunter ist man, wenn man doch immer wieder auf Dinge stößt, die einem bislang verborgen waren oder die man einfach nicht als etwas Besonderes beachtet hatte. So entdeckt man im Zuge von Sanierungsmaßnahmen am Fundament in der Tauberscheckenbacher Kirche hochmittelalterliches Mauerwerk und Fensteröffnungen unter dem Chorfußboden, die auf eine sehr alte Vorgängerkirche schließen lässt, beim Spaziergang von Neustett nach Tauberscheckenbach kommt man an einem spätmittelalterlichen Bildstock vorbei. Vielfach lässt sich nicht mehr genau die Entstehung und die Bedeutung dieser Zeugen aus früherer Zeit feststellen, vieles bleibt im Dunkeln und wird dadurch Gegenstand von Mutmaßungen und Spekulationen.

Eine vermutlich wenig beachtete Besonderheit hält in diesem Zusammenhang auch der Friedhof zu Gickelhausen für uns bereit. In der Mitte der Friedhofsfläche steht ein Altartisch, was doch sehr ungewöhnlich ist. Dem Geheimnis des Gickelhäuser Altars ging auch im Jahre 1966 Wilhelm Dannheimer in einem Beitrag des „Bergfried“ nach. Dannheimer war in den Nachkriegsjahren Pfarrer unter anderem in Schweinsdorf, hat sich neben seinem Pfarrdienst mit der Heimatgeschichte befasst und sich damit auch bei Historikern einen Namen gemacht. In der Nr. 9 des „Bergfrieds“ vom September 1966 (Heimatbeilage der „Fränkischen Landeszeitung) finden wir die Ergebnisse seiner Nachforschungen zum Altartisch von Gickelhausen. Ich gebe im Folgenden den Artikel ungekürzt und im Wortlaut wieder. 

„Wir sind es gewöhnt, daß wir Altäre stets nur in Kirchen und Kapellen antreffen, nicht aber im Freien, wo sie ungeschützt jeder Witterung ausgesetzt sind. Deshalb ist es ein ganz seltener Fall und ein besonderes Erlebnis, wenn wir in einem kleinen Ort der Rothenburger Landwehr unvermutet einen alten Altartisch unter freiem Himmel antreffen, einen Zeugen vergangener Tage, dem heute so gut wie niemand mehr Beachtung schenkt.

 

Wer nach Gickelhausen kommt, freut sich an den stattlichen Höfen, die er hier vorfindet, und an dem schön umwachsenen Dorfweiher, aus dem der Gickelhäuser Bach zur Tauber fließt. Daß das Dorf auch einen kleinen Friedhof besitzt, wird meistens übersehen, denn dieser liegt versteckt hinter dem Anwesen Hs.-Nr. 7 und fällt gar nicht ins Auge, wenn man nicht zufällig das Seitensträßchen einschlägt, das an ihm vorbeiführt.

In der Mitte dieses Friedhofs findet sich nun der rätselhafte Altartisch. Er ruft allerlei Fragen in uns hervor, besonders die Fragen: 1. Woher mag dieser Altar wohl stammen? und 2. Wie kommt es, daß sich der sichtlich sehr alte Steintisch bis heute erhalten hat? Daß wir einen mittelalterlichen Altar vor uns haben, beweist seine Form: Ein kräftiger Steinsockel von 80 cm Höhe trägt eine 12 cm dicke, stark überstehende Sandsteinplatte von 114 cm Länge und 95 cm Breite. Ungefähr in der Mitte der Platte ist von oben eine rechteckige Vertiefung (12:12 cm) eingemeißelt, eindeutig eine Reliquiennische, wie wir sie von mittelalterlichen Altären her wohl kennen. Vier Dübellöcher an den Seiten der Nische beweisen, daß sie einst durch einen Deckel mit Eisenbeschlägen verschlossen war.

Zur Beantwortung der ersten Frage nach der Herkunft des Altars war Folgendes zu ermitteln: Gickelhausen besaß wie Reichelshofen einmal eine Kapelle, die im Dreißigjährigen Krieg verfallen sein soll und in der Folgezeit abgetragen wurde.1) Die „Kirchenstiftung Gickelhausen“ überlebte diese Kapelle ungefähr 300 Jahre 2). Ortschaft und Gotteshaus gehörten zur Pfarrei Ohrenbach, vor Errichtung der Pfarrei Ohrenbach bis 1449 zu Langensteinach. Die Kapelle war dem Hl Ägidius geweiht, dem Heiligen, den wir auch als Patron der Kirchen von Lohr und von Diebach kennen. Als Zeit der Erbauung dürfte wohl das 14. oder frühe 15. Jahrhundert in Frage kommen. Klein wie die Kapelle selbst war wohl auch ihr Vermögen; es bestand in einer einzigen Wiese, „einen Morgen groß, in dem Mönchshage gelegen“ 3) So reichten die Mittel nicht aus, das offenbar sehr schadhaft gewordene Bauwerk nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder herzustellen, zumal auch die Ortsbewohner selbst verarmt waren und an ihren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden genug zu bauen und zu bessern hatten.

Warum blieb aber dann beim Verfall und beim Abbruch der Kapelle der Altar erhalten? Auch hierfür fand sich eine Erklärung. Die Bewohner von Gickelhausen wollten den Gottesdienst in ihrer Ortschaft nicht ganz missen. Sie trafen deshalb mit dem Pfarrer von Ohrenbach die Vereinbarung, daß er ihnen gegen eine Vergütung von 1 Gulden15 Kreuzer 4) alljährlich im Monat Oktober an einem bestimmten Sonntag “auf dem Kirchhof“, dem Platz der abgebrochenen Kapelle, eine Kirchweihpredigt halten soll. Für diesen Gottesdienst, der erst nach 1930 abgekommen ist, als Gickelhausen nach Adelshofen umgepfarrt worden war, hat man den Altar erhalten.

Vor dem Altar stehend hat der Pfarrer jeweils gepredigt. Im Jahr 1900, als der Sockel gewiß durch Steinfraß schadhaft geworden war, wurden sogar

Ausbesserungsarbeiten daran vorgenommen, wie uns eine flüchtige Einritzung in den Verputz – M  1900  H noch kundtut. Seit 1879 umgeben nun auch die Gräber der Verstorbenen den Altar, denn in diesem Jahr wurde der Kirchhof „zum Begräbnis der Ortsangehörigen eingeweiht“. 5) Damit dürfte die Erhaltung des seltenen Zeugen der Vergangenheit gesichert sein, der die Erinnerung an das längst verschwundene Gotteshaus festhält. 

Der alte Altar ist wirklich ein Denkmal, das hoffentlich auch von kommenden Geschlechtern so in Ehren gehalten wird, wie das bisher geschehen ist.

Wilhelm Dannheimer

 

 

 

 


Anmerkungen:

1) Chr. Best, Kurze Chronik der Landgemeinden des prot. Dekanatsbezirks Rothenburg o. d. T. 1906 S. 38.

2) Die Stiftungsrechnungen befinden sich beim Evang.-Luth. Pfarramt Ohrenbach.

3) Stadtarchiv Rothenburg, Band 566, Beilage.                          

4) Wie Anm. 3 

5) Best a.a.O. S. 38“

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen des Artikels im „Bergfried“ lässt sich feststellen, dass der zum Schluss geäußerte Wunsch Dannheimers, das ehrwürdige Denkmal auf dem Gickelhäuser Friedhof möge auch von den kommenden Generationen gepflegt und in Ehren gehalten werden, bislang in Erfüllung gegangen ist. Hoffen und wünschen wir, dass auch in Zukunft dieser bemerkenswerte Zeuge aus längst vergangener Zeit ebenso viel Beachtung und Fürsorge erfährt wie bisher, damit auch zukünftige Generationen sich noch an dem steinernen Monument erfreuen und sich an die wechselvolle Geschichte dieses Platzes erinnern lassen können.  Bericht: Erhard Reichert

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